In Wittlich erhielt der langjährige Europa-Aktivist und Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker im Rahmen eines Festaktes den Georg-Meistermann-Preis der Stadt.

Junker bedankte sich mit einer Europa-Rede, die es wert ist, hier abgedruckt zu werden.

 

 

Dankesrede von Präsident Juncker anlässlich des Georg-Meistermann-Preises

Wittlich, 18. Juni 2018

Lieber Herr Bürgermeister,

Lieber Herr Simon,

Lieber Norbert Lammert,

Du warst, ich sage nicht gerne ein perfekter Laudator, aber ein würdiger und ein passender.

Du hast das gut gemacht und unserer Freundschaft heute einen Verlängerungsdienst geleistet. Ich habe ja von Dir schon Bücher vorgestellt, die auch manchmal bei öffentlichen Anlässen publikumsschonend eingeführt. Und wenn du noch einmal jemanden brauchst, der ohne Vorleistung, bedingungslos bereit ist, Dich zu loben, weißt du, wo du mich erreichen kannst.

Ich freue mich sehr über diesen Preis, den Georg-Meistermann-Preis, weil Georg Meistermann eine Lichtgestalt war – sowohl in seinem künstlerischen Wirken, als auch in seiner Vita-langen Haltung. Wer seine Werke und vor allem seine Glasfenster sieht, sieht die Welt in neuem Licht erstrahlen und ergo sieht er die Welt anders. Wer seine Fenster sich zu Gemüte führt, wird eigentlich ein besserer Mensch. Aber manchmal verlässt man schöne Kirchen zu schnell, damit das wohltuend Bleibende, sich auf Ewigkeit einrichtet. Aber Tatsache ist: seine Fenster erstrahlen in neuem Licht und man leuchtet ein bisschen mit. Er war Leuchtturm auch als Mensch in finsteren Zeiten, während des Naziterrors, weil er dank seiner Ur-Überzeugung als Demokrat anderen den Weg zeigte. Freiheit und Demokratie heißt auch "nein" sagen zu können, wenn "ja" sagen einfach ist. Er hat in einem wichtigen Augenblick deutscher und europäischer Geschichte nein gesagt und es wäre gut gewesen, viele hätten das getan.

Deshalb ist dieser Preis Auszeichnung, Ehre aber auch Auftrag und ich möchte mich sehr herzlich bei der Stadt Wittlich beim Kuratorium für eine in meinen Augen und in meinem Selbstempfinden total nachvollziehbare Entscheidung bedanken, mir diesen Preis zuzuerkennen. Wir denken, Präsident Lammert hat das gesagt, alles wäre normal, alles wäre erledigt, nichts bliebe mehr zu tun. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Justiz, Demokratie wären uns fast wie angeboren. Dabei haben wir sie erst in mühseligen, sich lange hinziehenden Prozessen erlernen müssen und wir, die Nachkriegsgeneration, denken sehr oft, dieses Europa wäre eigentlich unser Verdienst, mitnichten! Das ist vor allem das Verdienst derer, die 1945 von den Frontabschnitten, aus den Konzentrationslagern in ihre zerstörten Städte und Dörfer zurückkamen und aus diesem ewigen Kriegsgebet ‘Nie wieder Krieg' ein politisches Programm, ein politisches Konzept entworfen haben, das bis heute seine Wirkung zeigt. Denen gehört der Verdienst. Das sind die eigentlichen Preisträger, die Kriegsgeneration, die nicht aufgegeben hat und uns in eine bessere Zukunft entsandt hat.

Europa ist eben nicht nur ein Wirtschaftsprojekt. Sie hier in Ihrer Region, Sie wissen das, weil Sie auch irgendwo und irgendwie Grenzgänger sind. Weil Sie nach Frankreich, nach Luxemburg, sonst wohin gehen, um zu arbeiten, um zu studieren, um zu leben und um zu erleben.

Sie leben und erleben ein Europa, das eben nicht im Wirtschaftlichen erschöpft. In all seiner Vielseitigkeit, mit all seinen Sprachen und Kulturen, Landschaften, Traditionen ist Europa eine weltweit einzigartige Friedens- und Wertegemeinschaft. Artikel 2 des Vertrages, den lesen Sie zu Hause nach, weil das wäre ein zu langes Zitat für eine 10-Minutenrede, da werden alle Tugenden Europas in schöner Reihenfolge so aufgezählt, dass jeder eigentlich in Europa wissen müsste woran er mit Europa dran ist, wenn er diese Erklärung Artikel 2 eines Vertrages, der zu meiner Zeit zustande gekommen ist, liest.

Doch der Wert der dort genannten Werte hängt nicht von Verträgen ab. Es gibt imperfekte Verträge, die zu perfekten Verträgen werden, wenn der Wille derer, die sie umsetzen, perfekt ist. Und es gibt perfekte Verträge, die werden zu imperfekten Verträgen, wenn der Wille derer, die sie umsetzen, ein imperfekter ist.

Die Kommission – deshalb ist sie nicht immer beliebt –, ist Hüterin dieser Verträge und hat die besondere Verantwortung auf die Anwendung und das tagtägliche Anwenden dieser Verträge zu achten. Deshalb können sich Kommission und auch ihr Präsident nicht durch Konfliktbequemlichkeit auszeichnen, sondern sie müssen zum Konflikt bereit sein, wenn wir uns darauf verständigen können, dass Werte eben kein Selbstzweck sind, sondern dass man sich für Werte einsetzen muss.

Ich könnte jetzt eine lange Serie europäischer Leistungen hier defilieren lassen. Die jüngste ist die europäische Grundverordnung zum Datenschutz – eine wichtige Sache. Wird weltweit auch angenommen. Wir sind ein Trendsetter in Sachen Grundrechte und Datengrundrechte geworden.

Gerade in einer Welt, die aus den Fugen gerät, kommt es sehr darauf an, dass Europa ein Stabilitäts- und Sicherheitsanker ist. Da braucht es das Zutun Vieler – Großer und Kleiner. Die Kleinen haben den Vorteil, dass sie wissen, dass sie klein sind. Die Großen müssen das manchmal noch entdecken, dass sie auch klein sein, weil in der Welt sind alle europäischen Nationen klein. Und in 30 Jahren wird kein einziges europäisches Land mehr als 1% der Weltbevölkerung darstellen. In 25 Jahren wird keine einzige europäische Nation noch zum Kreis der G7 gehören. Also wer wie ich beim letzten G7-Treffen dabei war, hätte sich gewünscht, es hätte erst in 25 Jahren stattgefunden, dann hätte ich nicht dabei sein müssen, weil dann wäre kein Europäer dabei gewesen.

Wir müssen an diesem Europa mit Geduld arbeiten. Ich erinnere mich daran als ich mit 28 Jahren junger Staatssekretär aus Brüssel zurückkam und mich bei meinem Vater darüber beklagt habe, dass wir da Nächte zusammen saßen um die richtigen Worte für die richtigen Lösungen zu finden, und dass das alles doch sehr mühselig und unbequem wäre. Da hat mein Vater den Spaten zur Seite gestellt und hat zu mir gesagt: "Hör mal Junge, als ich fünf Jahre jünger war als Du, habe ich auf andere schießen müssen. Es ist besser Ihr redet miteinander".

Und das ist doch wahr: Ein Tag Krieg in Europa kostet viel mehr als zwanzig Jahre Europäische Union. Das sollte man sich überlegen, wenn man über europäischen Haushalt und derartig erogene Politikzonen in Europa debattiert. Frieden ist billiger als Krieg. Deshalb müssten wir auch auf internationaler Ebene, G7 und alles Mögliche, unter Beweis stellen, dass wir auch – ich sage nicht gerne unsere Werte exportieren – aber dass wir auch zu unseren Werten stehen, wenn wir mit anderen reden. G7 ist ein gutes Beispiel dafür.

Simple Lösungen werden allenthalben herumgereicht, aber exklusive nationale Wege führen zu Betriebsblindheit und zu gefährlicher Abschottung. Wer nur national denkt, sieht die anderen nicht mehr. Und nach einer gewissen Zeit sieht er sich auch nicht mehr richtig. Auf Dauer macht der Tunnelblick einsam. Uns selbst und die anderen. Die Welt braucht mehr Zärtlichkeit, nicht mehr Einsamkeit.

Dass wir Werte verteidigen müssen, das hat auch heute Georg Meistermann uns gesagt. Er hat diese Botschaft in Kunst verwaltet und er kannte den Grundsatz, die Erkenntnis, dass der Mensch die Farben mischt, das Licht hingegen von Gott kommt, der alles zum Leuchten bringt. Für unser Europa heißt das, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen, uns nicht auf andere verlassen können. Das setzt die Bereitschaft zum Kompromiss voraus. Das ist hier in Wittlich so, das ist in Brüssel so und wenn ich nicht alles falsch verstanden habe, ist Kompromissfähigkeit manchmal auch in Berlin wünschenswert.

Also Europa hat eigentlich alles was wir brauchen, vor allem seine vielen Farben. Und nur das Miteinanderleuchten dieser vielen Farben wirft das richtige Licht auf Europa. Auf die vielen Farben kommt es an.

Vielen Dank.